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12 Jahre Bundesausschuß Klettern und Naturschutz – ein Rückblick

Wie bereits berichtet, beendete der Bundesausschuß Klettern und Naturschutz (BA K+N) des DAV mit seinem 28. Treffen im Elbsandsteingebirge seine Tätigkeit. Die Arbeit soll als „Fachbeirat Klettern und Naturschutz“ in ähnlicher Form fortgeführt werden. Dies ist für mich ein Anlaß, auf die zwölfjährige Arbeit dieses Gremiums zurückzublicken.

Im Dezember 1991 teilte mir der Naturschutzreferent des SBB Peter Rölke mit, daß ein neuer Ausschuß des DAV ins Leben gerufen worden sei, und wir uns dort einbringen sollten. Das nächste Treffen sollte bereits im Januar 1992 im Taunus stattfinden. Da Peter verständlicherweise nicht alles selbst machen konnte und ich mangels Aufträgen in den Neuen Bundesländern sowieso im Raum Frankfurt arbeiten mußte, bat er mich, an dem Treffen teilzunehmen und über die Situation in der Sächsischen Schweiz zu berichten. Damals ahnte ich noch nicht, daß mich das Thema bis heute verfolgen und fordern würde. Auch hatte ich keine Ahnung, wie ein zentrales Gremium des DAV arbeitet und was mich dort wohl erwarten wird.

Also fuhr ich mit gemischten Gefühlen in den winterlichen Taunus nach Oberreifenberg am Fuß des Feldberges. In der Hütte empfing mich ein buntes Stimmengewirr. Von bayrischen, pfälzer, fränkischen bis zu norddeutschen Akzenten war alles vertreten. Ich wurde freundlich aufgenommen und konnte bald feststellen, daß dies nicht ein Kreis von steifen Verbandsbürokraten ist, sondern hier begeisterte Bergsteiger zu Werke sind. Auch mancher Vereinsfunktionär entpuppte sich als eher rauher Berggeselle. Zur damaligen Zeit, kurz nach Wende und Beitritt gab es ja noch vielfältige Berührungsängste zwischen Ost und West, doch ich merkte, daß in diesem Kreis die Chemie stimmt und keinerlei Vorurteile im Umgang miteinander bestanden. Als zweiter Vertreter der Neuen Bundesländer war der Vorsitzende des Thüringer Bergsteigerbundes Uwe Thomsen aus Erfurt angereist.

Im Bundesausschuß waren neben Vertretern der bedeutendsten außeralpinen Kletterregionen hochrangige DAV-Funktionäre vertreten. Geleitet wurde das Gremium vom späteren DAV-Vorsitzenden Josef Klenner, und von München waren der Naturschutzreferent Heinz Röhle und der Verantwortliche für Klettern & Naturschutz Nico Mailänder angereist. Auch andere Größen wie Richard Goedecke aus Norddeutschland und Günter Brahm aus dem Fränkischen kannte ich damals kaum vom Namen her. Der Bundesausschuß verstand sich von Anfang an als verbandsübergreifend. So waren die IG-Klettern, die Vereinigung der Pfälzer Kletterer und die Naturfreunde gleichberechtigt vertreten.

Das Treffen zeigte, daß es menschlich keinerlei Probleme gab, inhaltlich trennten uns aber noch Welten. Einige kannten das Elbsandsteingebirge ganz gut und waren von der tollen Felsenwelt begeistert. Andere konnten sich überhaupt nicht vorstellen, daß das größte außeralpine Felsklettergebiet im östlichen Zipfel Deutschlands liegen sollte. Daß wir auf über 90 % der Felsfläche zum Klettern verzichten können und trotzdem noch ca. 1100 Kletterfelsen mit etwa 14.000 Aufstiegen übrig bleiben, war einfach unvorstellbar.

Sehr positiv kam die Sächsische Kletterethik mit dem Ziel des weitestgehend naturverträglichen Kletterns an. Ich konnte schon damals von einer recht guten Zusammenarbeit mit den Behörden und der neugegründeten Nationalparkverwaltung berichten. Immerhin hatten wir als Sächsische-Schweiz-Initiative über 50.000 Unterschriften zum Erhalt der Naturlandschaft gesammelt und dem Sächsischen Umweltminister persönlich übergeben. Die Arbeitsgruppe Naturschutz des SBB war damals schon sehr aktiv und konnte viele Erfolge vorweisen. Kaum vorstellbar, daß dies nur von einer Handvoll Leute gestemmt wurde. Wir konnten das nur durch unbürokratische und pragmatische Vorgehensweise und flache Strukturen packen.

Nun mußte ich feststellen, daß in den DAV-Gremien und besonders auf bundesdeutschen Behörden manches anders läuft. Lange und zähe Verhandlungen und viele bürokratische Hürden waren an der Tagesordnung. Auch mußte sich der Bundesausschuß erst eine Arbeitsordnung, Satzung usw. geben, und alles mußte exakt ausformuliert und von allen Seiten beleuchtet werden. Es war die Zeit der großen Grundsatzpapiere. Da hatten wir es doch im SBB einfach. Ich kam eben von einer Insel der Glückseligkeit oder auch aus dem Tal der Ahnungslosen.

Das nächste Treffen fand dann bereits in den Neuen Bundesländern im Thüringer Wald statt. Schönes Wetter, tolle Kletterfelsen und ein runder Geburtstag von Uwe Thomsen sorgten für einen angenehmen Rahmen. Doch auch ernste Problemfälle mußten geklärt werden. Der Versuch, den Burgfelsen Hohnstein als Massiv zum Klettern freizubekommen war auf strikte Ablehnung des SBB gestoßen, vom DAV in München aber unterstützt worden. Es zeigte sich, wie wenig die Funktionäre dort die regionalen Besonderheiten kannten. Der DAV mußte erst seine Kompetenz für die Belange des Mittelgebirgskletterns aufbauen, was Jahre dauern sollte. Im Alpen- und Voralpenraum gab es damals noch keine Probleme oder Felssperrungen und entsprechend gering war die Resonanz unserer Arbeit bei den großen süddeutschen Sektionen.

Anfänglich traf sich der Bundesausschuß drei- bis viermal im Jahr vor Ort in einem Klettergebiet. Dies war immer mit großem Zeitaufwand verbunden. Ich merkte erst jetzt, wie groß Deutschland ist und wo überall geklettert wird. Wir wollten prinzipiell umweltverträglich zu den Treffen reisen. Als Anreiz dazu wurden nur die Kosten der öffentlichen Verkehrsmittel übernommen. Jedes dieser Treffen war für mich eine Bereicherung, denn ich lernte neue Landschaften und Klettergebiete mit ihren spezifischen Eigenarten und Problemen kennen. Ein Wermutstropfen war allerdings, daß wir bei den Treffen nur selten zum Klettern kamen. Meist war das Tagungsprogramm so umfangreich, daß zwei volle Tage notwendig waren und häufig gab es auch noch Regen. Zu Hause konnte ich dann z.B. von der Situation im Fränkischen oder in der Pfalz berichten, denn für viele von uns waren wiederum die anderen Klettergebiete relativ unbekannt.

Ein Hauptthema der Arbeit des Ausschusses war in den ersten Jahren neben Grundsatzfragen und Leitbildern die Erstellung eines Felskatasters aller außeralpinen Klettergebiete Deutschlands. Hier stieß meine Meinung häufig auf Unverständnis, daß wir in der Sächsischen Schweiz keine Felserhebung machen können, da doch vor allem die unbekletterten Felsbereiche nach naturschutzfachlichen Gesichtspunkten bewertet werden sollten. Dafür fehlte uns in der AG Natur- und Umweltschutz des SBB einfach die Zeit und die Kraft. Außerdem gab es ja ein umfangreiches Kletterführerwerk, wo auch die Belange des Naturschutzes berücksichtigt werden. Wie aufwendig eine Bewertung allein der Kletterfelsen ist, sehen wir an den Kletterkonzeptionen, an denen bei uns schon jahrelang gemeinsam mit der Nationalparkverwaltung gearbeitet wird. Jetzt sind die Arbeiten für die Nationalparkteile der Sächsischen Schweiz fast abgeschlossen, aber für die übrigen Gebiete wird es sicher noch sehr lange dauern.

Mittlerweile liegen für viele Klettergebiete Deutschlands komplette Kletterkonzeptionen vor, wo die regionalen Arbeitskreise eine immense ehrenamtliche Arbeit geleistet haben und zum Teil richtige umfangreiche Fachbücher entstanden sind.

Von Anfang an zeigte sich, daß viele Klettergebiete von massiven Felssperrungen bedroht waren. 1993 wurde in Baden-Württemberg das neue Bundesnaturschutzgesetz in voller Härte angewandt. Das bedeutete für das Klettern den Supergau. Durch die Umsetzung des Biotopschutzparagraphen wurde schlagartig der Großteil der Felsen gesperrt. Besonders hart traf es das Obere Donautal, vormals eines der bedeutendsten Klettergebiete Deutschlands. Defacto über Nacht wurden von ca. 550 Kletterfelsen über 500 mit einem totalen Kletterverbot belegt. 1994 konnte lediglich noch an ganzen 15 Felsen geklettert werden. Massive Proteste auf allen Gebieten, Verhandlungsangebote und öffentlichkeitswirksame Aktionen prallten an den Betonköpfen schwäbischer Bürokraten ab. Bis heute hat sich die Situation nicht wesentlich verbessert, auch wenn mancher Landesbedienstete schon die Pension erreicht hat. Da ist es kein Wunder, daß viele der einheimischen Kletterer irgendwann resignierten und sich anderen Zielen zuwandten. Man sieht das ja an den Verdrängungseffekten in die wenigen verbliebenen Klettergebiete, was dort zu neuen Problemen führt.

Besonders schwierig war über die ganze Zeit hinweg die Situation in Nordrhein-Westfalen. Das bevölkerungsreichste Bundesland ist von der Natur mit sehr wenig Klettermöglichkeiten ausgestattet. Die Landespolitik vertritt eindeutig die Interessen der Wirtschaft und die staatlichen und ehrenamtlichen Naturschützer versuchen, die wenigen noch intakten Naturräume rigoros zu schützen, was zwangsweise zu Konflikten mit den Natursportarten wie dem Klettern führen muß. Die wenigen noch bekletterbaren Naturfelsen waren einem immer größeren Ansturm ausgesetzt, es gab immer mehr Naturschutzprobleme und die Behörden drängten auf Kontingentierung. Im Rurtal in der Nordeifel sah sich die ortsansässige Sektion gezwungen, einen Vertrag mit den Behörden abzuschließen, in dem durch die Einführung eines Ticketsystems die Anzahl der Gipfelbesteigungen drastisch begrenzt wurde. Als diese Eintrittskartenregelung dann auch noch durch Sektionsfunktionäre übertrieben kontrolliert wurde, kam es zum offenen Streit zwischen den einzelnen Klettergruppen vor Ort. Als die Lage immer prekärer wurde, traf sich der Bundesausschuß im September 1995 vor Ort zu einem Krisentreffen. Wir wollten versuchen, die Vertreter von DAV-Sektion, Landesverband, Arbeitskreis Klettern und Naturschutz, IG Klettern und andere Interessengruppen an einen Tisch zu bekommen, zu moderieren und unsere Erfahrungen aus anderen Klettergebieten einzubringen. Die Fronten waren sehr verhärtet und es brauchte ein langes Wochenende, um in den Köpfen einen gewissen Konsenswillen zu erwecken. Das Traurige an dem Streit war, daß sich die Bergsteiger in Grabenkämpfen aufrieben, während die Behörden relativ problemlos ihre Regelungen und Beschränkungen durchdrücken konnten.

Vor zwei Jahren besuchten wir erneut die Nordeifel. Die Streitereien wurden nach langen zähen Verhandlungen und großem Engagement der Mitarbeiter der DAV-Geschäftsstelle zwar endlich beigelegt, die Klettersituation ist aber bis zum heutigen Tag völlig unbefriedigend. Die Naturschutzlobby sitzt fest im Sattel, und man kann die Ausdauer der Bergfreunde vor Ort nur bewundern. Hoffen wir, daß die zähen Verhandlungen wenigstens kleine Erfolge für die Sache der Kletterer bringen werden.

In den letzten Jahren verlagerte sich unser Arbeitsgebiet immer mehr hin zu juristischen Themen. Zunehmend wurden wir mit Fragen wie Betretungsrecht und Verkehrssicherungspflicht konfrontiert. So standen juristische Themen schon oft auf der Tagesordnung. Wie wichtig ein Grundwissen auf diesem Gebiet ist, mußten wir in Sachsen am Beispiel der Biwakwand bei Freiberg recht schmerzlich erfahren. Wir hatten es dort mit einem zwar unseriösen, aber in juristischen Fragen bewanderten Gegner zu tun, der unsere Unerfahrenheit geschickt ausnutzte. So konnten wir für diesen Felsen keine akzeptable Lösung erreichen.

Auch im Voralpenraum gibt es in den letzten Jahren immer mehr Probleme und Gipfelsperrungen, was sich vor zehn Jahren noch niemand vorstellen konnte. Trotz riesiger Kletterpotentiale konzentriert sich die Nutzung auf wenige Bereiche, wo dann Naturschutzprobleme auftreten. Oft ist dies auch auf die Unvernunft der Kletterer zurückzuführen. Aber auch zum Teil detailliert geplante großflächige Erschließungen ganzer Alpentäler mit unverkennbarem kommerziellem Hintergrund führen logischerweise zu Konflikten.

Angesichts der Probleme in vielen Regionen können wir mit dem erreichten Stand in der Sächsischen Schweiz, dem Zittauer Gebirge und den anderen Klettergebieten Sachsens sehr zufrieden sein. Die Bundesausschußtreffen in Lichtenhain, Jonsdorf und Saupsdorf konnten dies in eindrucksvoller Weise bestätigen. Selbstverständlich haben wir durch die wesentlich größere Anzahl von Klettermöglichkeiten viel bessere Voraussetzungen als z. B. Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg. Viele unserer Erfolge beruhen aber auch auf unserer pragmatischen Herangehensweise an die Thematik, auf dem Konsens- und Kompromißwillen der Verhandlungspartner und nicht zuletzt auf dem Verhandlungsgeschick unserer Funktionäre – allem voran unseres Ehrenvorsitzenden Ulrich Voigt.

So konnten wir als Vertreter der Neuen Bundesländer in den vergangenen zwölf Jahren vieles in die Arbeit des Bundesausschusses einbringen, seien es Kleinigkeiten wie die nunmehr bundesweit einheitlichen Piktogramme für Kletterzustiege oder unsere Erfahrungen bei Verhandlungen mit den Behörden. Für mich stellt die Arbeit des Bundesausschusses Klettern und Naturschutz auch einen Mosaikstein auf dem langen und beschwerlichen Weg zur deutschen Einheit dar, die beim Bergsteigen sicher schon weiter vorangekommen ist als in vielen anderen Bereichen.

Hoffen und wünschen wir dem neuen Fachbeirat, daß er diese erfolgreiche Arbeit fortführen kann und der DAV seine in jahrelanger Kleinarbeit aufgebaute Kompetenz auf dem Gebiet Klettern und Naturschutz erhalten und ausbauen kann.

Dr. Hans Hilpmann


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