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Protestwanderer muß keine Strafe zahlen

Amtsgericht rügt Regierungspräsidium nach Streit um gesperrten Grenzweg

Dresden. „Das ist ein Politikum und kein juristisches Problem“, machte Amtsrichterin Ute Worzfeld gestern dem Regierungspräsidium (RP) und der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz einen Strich durch die Rechnung. Und setzte damit zugleich dem Rechtsstreit um eine Wanderung auf dem seit Frühjahr 2001 gesperrten Grenzweg ein Ende. Lothar Hempel, bis Ende 2001 Vizechef des Sächsischen Bergsteigerbundes (SBB), muß nun lediglich seine Auslagen zahlen, den Rest der Kosten übernimmt die Staatskasse, das Bußgeld in Höhe von etwa 144 Euro entfällt.

Anlaß des Streits war eine Wanderung, zu der Hempel am 12. Juli mit 47 weiteren Naturfreunden aufgebrochen ist. Ganz bewußt lenkten die Wanderer damals ihre Schritte auf den gesperrten Grenzweg. Die Nationalparkverwaltung wußte offenbar von der Absicht, schickte ihre Ranger per Jeep in das Gebiet und erwischte die Wanderer in flagranti.

Hempel als Kopf der Truppe bekam eine Anzeige, legte Widerspruch ein und kam gestern nun mit einem blauen Auge davon. Das andere blaue Auge verpaßte Amtsrichterin Worzfeld dem RP. Das Bußgeld gegen den Chef der Wandertruppe sei kein geeignetes Mittel, diese Angelegenheit zu klären, erläuterte sie ihre Entscheidung.

Hempel hatte den Ausflug damals als „Protestwanderung“ bezeichnet. Grund dafür, daß die Nationalparkverwaltung den Weg zwischen Großem Winterberg und Raingrund zwar gesperrt, dabei aber auf das Votum des Bergsteigerbundes keine Rücksicht genommen hatte. Die Vertretung von Wanderern und Kletterern war gegen die Sperrung, unweit des Prebischtors biete sich bei klarer Sicht ein „phantastischer Blick ins Böhmische“, argumentierte Hempel Ende 2001.

Weil das Votum des SBB in der „Arbeitsgruppe Wegekonzeption“ für die Sächsische Schweiz gefragt war, der Weg aber erst nach der Auflösung der AG gesperrt wurde, wollten die Naturfreunde mit ihrer Wanderung gegen diese Entscheidung protestieren. Richterin Worzfeld erklärte gestern, eine Demonstration sei zwar möglich, hätte aber zuvor angemeldet werden müssen. Und genau das versäumten Hempel und dessen Mitstreiter. Nun hoffen die Mitglieder des SBB auf Umweltminister Steffen Flath (CDU), dem im Mai eine Liste mit etwa 4000 Unterschriften übergeben wurde. Ziel: Der Grenzweg soll wieder geöffnet werden.

Christoph Springer,
Dresdner Neueste Nachrichten vom 25. Sept. 2003
Wir danken den DNN für die Abdruckgenehmigung des Beitrages.

Auerhuhnprojekt auf böhmischer Grenzwegseite?

Die Ablehnung der tschechischen Regierung zum Wandern auf dem Grenzweg kam nicht überraschend. Die Begründungen sorgten allerdings zum Teil für Überraschungen.

Daß der „Klub tschechischer Touristen“ mit dieser Sperrung einverstanden ist, verwundert kaum, sind doch nahezu 100% der Grenzwegwanderer deutsche Touristen. Kaum einer der Deutschen will zum Prebischtor, vielmehr wandert man ja entlang der Grenze vom Winterberg in den Zschand, und um eine Markierung geht es gar nicht. Aus der Antwort der Klubvertreter aus Èeská Lípa könnte man auf die Unkenntnis der Lage des Grenzweges schließen.

Überraschender ist schon die Aussage zu einem Auerhuhnprojekt auf tschechischer Seite, nur wenige Meter von der Grenze entfernt. Nationalparkchef Dr. Stein dementiert, daß es ein deutsch-tschechisches Projekt sei. Aber wenn es auch nur ein rein tschechisches Projekt wäre, so etwas sollte man vielleicht doch abstimmen? Denn im Gegensatz zu Behörden kennen Tiere keine Staatsgrenzen und wie schnell wäre dann das Auerhuhn auch auf deutscher Seite? Zumindest sollte allen Beteiligten und Betroffenen reiner Wein eingeschenkt werden.

Ein Projekt zur Wiederansiedlung des Auerhuhns kann durchaus in Zukunft eine gute Sache werden, weil Auerhuhnforscher aus den neuen Bundesländern meinen, die jetzt in Gefangenschaft aufgewachsenen Hühner zeigten dem Menschen gegenüber weniger Scheu, außerdem hätte sich der Bewuchs der Brutgebiete verbessert. So sähe man durchaus Chancen für den Erfolg einer Wiederansiedlung. Wenn man schließlich mit den Bergsportverbänden festlegen würde, die bestehenden Wanderwege und Klettergipfel unangetastet zu lassen, käme es auf einen allseits begrüßten und beachteten Versuch an, ob dem Auerhuhn der Lebensraum reicht.

Ein solches Aufeinander-Zugehen wäre vertrauensbildend gewesen. Die jetzige Variante des ministeriellen Schreibens aus Tschechien mit Dementi aus Bad Schandau fördert eher das Mißtrauen.

Dr. Peter Rölke


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