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Boofen in Sack und Tüten

Das Thema „Boofen“ (Freiübernachten unter Felsüberhängen) erregt die Gemüter spätestens seit 1994, als die beliebte „Fernblickboofe“ von der Nationalparkverwaltung (NLPV) ohne Vorankündigung abgerissen wurde und ein Totalverbot des Boofens drohte. Der Protest wurde viel lauter als erwartet und brachte ein Umdenken: Acht Jahre später weiß die NLPV nicht nur, daß Boofen eine Tradition ist, die sich nicht einfach wegwischen läßt, sondern auch, daß das unmittelbare Naturerleben eine wichtige Motivation für Naturschutzaktivitäten ist. Und wir seitens der Bergsportverbände sahen ein, daß eine „Positivliste“ erlaubter Boofen offenbar der machbare Kompromiß ist, auch wenn er manchen als Überregulierung erscheinen mag.

Dieser Kompromiß entstand im Laufe der Bergsportverhandlungen, die nun schon sechs Jahre andauern. Weil die „technischen“ Probleme wie Gipfel, Kletterwege und Zugänge sehr arbeitsaufwändig sind und uns noch eine Weile beschäftigen werden, lösten wir den Teil „Boofen“ Anfang 2001 heraus, damit er schneller zu einem Abschluß kommt. Dort drängte die Zeit. Eine vernünftige und wirksame Beschränkung des Boofens war nötig, damit die Zustände nicht ausufern. Daran ist auch den Bergsportverbänden gelegen, denn Disziplinlosigkeit führt bekanntlich zu pauschalisierten Verboten, was nun gerade nicht eintreten darf. Auch waren Boofen in den Schrammsteinen und im Schmilkaer Gebiet bereits markiert, während in anderen Gebieten noch alles offen war. Ein unbefriedigender und verwirrender Zustand.

Kurzum, im Januar 2001 gründete sich die „Boofenkommission“, bestehend aus Holm Riebe und Andreas Knaak (beide NLPV) sowie Horst Kern (SWBV), Klaus Kallweit und mir (beide SBB). Verabredungsgemäß legten wir Bergsportler Anfang März 2001 eine Liste mit Vorschlägen für Boofen vor. Dann wurde es ruhig, trotz mehrfacher Anfragen. Zwistigkeiten zwischen Forst und NLPV mögen zur Verzögerung beigetragen haben. Zeitweise erschien es sogar so, daß der Forst mehr gegen das Boofen war als die NLPV. Doch über bereits erreichte und umgesetzte Regelungen wußte man beim Forst offensichtlich sehr wenig. In langen Gesprächen informierten wir nicht nur darüber, sondern klärten gleich einige strittige Punkte im Voraus. So wollte der Forst z.B. die sehr große Teufelsturmboofe verbieten. Dort hatte man nachts einen Mopedfahrer bei der Besorgung von Nachschub in Form von zwei Kästen Bier erwischt. Wir erwiderten: Nicht verbieten, sondern kontrollieren - das ist dort besonders einfach, und wir erreichen gerade in dieser Boofe ein Publikum, das Veröffentlichungen wie diese hier gewiß nicht lesen wird. Der Vorschlag wurde angenommen.

Das Ergebnis

Wir haben nun 57 im Gelände markierte Boofen im Nationalpark (die Gebiete außerhalb davon sind nicht betroffen), selbstverständlich außerhalb der Kernzone. Es sind Boofen aller Größen und Lagen - nicht alle, die wir uns gewünscht hätten, aber auch mehr als erwartet: Einige Vorschläge wären noch vor wenigen Jahren mit einem Aufschrei vom Tisch gefegt worden. Man sieht deutlich die Veränderung.

Leider ist in der Vereinbarung noch enthalten, daß das Boofen an die „unmittelbare Ausübung des Klettersports“ gebunden ist. Dieser Passus soll mit der novellierten NPVO fallen und durch die Zielsetzung des Boofens ersetzt werden. Diese Zielsetzung findet sich allerdings schon unmittelbar nach der Einschränkung und liest sich so: „Das Freiübernachten in Felsgebieten des Nationalparks stellt einerseits einen nicht unerheblichen Belastungsfaktor für den Naturhaushalt, andererseits aber auch eine besondere Möglichkeit des unmittelbaren Naturerlebens dar. Unmittelbares Naturerleben birgt wiederum die Chance, daß sich Verständnis für die Aufgaben und Probleme des Naturschutzes und darausfolgendes Engagement entwickelt.“

Selbst ein oberflächlicher Vergleich mit früheren offiziellen Statements zeigt, wieviel sich zum Guten hin verändert hat. Ich habe dieses „sich entwickelnde Engagement“ schon vor 20 Jahren an mir selbst beobachtet, als ich bis zu 30 mal pro Jahr draußen schlief und ansehen musste, was langhaarige „Problembürger“ anrichteten.

Ein echter Wermutstropfen: Das Feuern ist seit 2001 generell verboten. Die Ausnahmegenehmigung des Forstes für bestimmte Boofen wurde nicht verlängert. Als Begründung sprach man von der negativen Vorbildwirkung auf andere Boofen. Selbst wenn das so ist – diese Behauptung wurde nicht belegt. Wir wußten natürlich, daß unabhängig von Regelungen in allen Boofen weiterhin gefeuert wurde. So ist das, wenn Vorschriften ohne Blick auf die Praxis erlassen werden. Der Forst hatte die Idee, gemeinsam mit den Kommunen Grillplätze außerhalb des NLP einzurichten. Nicht schlecht, wenn es denn zu Stande kommt, doch das hat nichts mit uns zu tun. Wir hätten uns eine Absichtserklärung gewünscht, wie man den klaffenden Widerspruch zwischen Praxis und Theorie in Zukunft überwinden will. Der einzige Pluspunkt: Außer bei Waldbrandgefahr ist die Benutzung von Kleinkochgeräten erlaubt.

Die Zukunft

Alle Beteiligten sind sich einig, daß es keine detaillierte Liste der Boofen geben darf, womöglich noch mit Zugangsbeschreibungen. Wer „Boofentourismus“ fördert, sägt an dem Ast, auf dem wir sitzen. Massenbetrieb widerspricht dem Geist des obigen Zitats. Nichts gegen eine kleine Feier aus gegebenem Anlaß, doch das darf nicht zur Hauptsache werden. Ursprünglich sollte nach Abschluß der Verhandlungen eine hinreichend grobe Liste im Internet erscheinen. Wir hatten die Hoffnung, daß dann der Anreiz zur Schaffung einer genauen Liste nicht so groß ist (es gibt viele fleißige Leute, die Webseiten erstellen und betreuen). Der SBB-Vorstand war anderer Ansicht. Also gibt es keine Liste, und weder beim SBB noch bei der NLPV wird man eine erhalten, nur Antworten auf individuelle Fragen.

Sicher besteht immer die Gefahr, daß jemand eine Liste erstellt und ins Netz legt. Aber wozu? Um das zu tun, braucht es viel Motivation, Kenntnis und Verstand. Wer das hat, sollte auch begreifen, was er mit einer solchen Liste anrichtet. In den gängigen Diskussionsforen scheint man erfreulicherweise auch dieser Ansicht zu sein.

Das Problem „Feuern“ ist weitaus schwieriger und bedarf irgenwann einer Klärung. Beide Extreme sind unakzeptabel: Feuern in allen Boofen – und gar kein Feuern, selbst im verschneiten Winterwald zu Silvester. Ein Unding, wenn man z.B. überlegt, daß gegen die gefährlichsten Brandverursacher, die Raucher, praktisch nichts unternommen wird. Ich sehe die Zulassung des Feuerns als wichtige Aufgabe für die nächste Zeit, habe aber selbst noch keinen einfachen Lösungsvorschlag.

Der andere wichtige Punkt ist die Kontrolle. Appelle sind zwar nicht schlecht, doch sie erreichen nur die Vernünftigen. Die schweren Vergehen werden nur zurückgehen, wenn Kontrolleure sichtbar auftreten und ggf. konsequent bestrafen. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Niemand von uns will eine militante Kontrolle. Ich habe es selbst früher oft genug erlebt, daß das bloße Nach-dem-Rechten-Schauen mit Smalltalk viel Wirkung zeigt. Auf der anderen Seite muß eben auch klar sein, daß ein Feuer bei Waldbrandgefahr das eigene Girokonto und auch die eigene Freizeit recht effektiv verringern kann.

Das Thema Kontrolle wird uns noch lange beschäftigen, denn ohne diese bleibt die ganze Bergsportkonzeption ein Papiertiger.

Dr. Reinhard Wobst

Durcheinander bei Park- und Zeltplätzen im Kirnitzschtal

Die angekündigten Leitplanken (vgl. SSI-Heft 17) sind nun an einigen Abschnitten montiert, nur der hellrosa Anstrich fehlt noch. Der Verkehr kann jetzt sauber geführt fließen, doch wenn er nicht fließt, wird es eng: Zu Spitzenzeiten parkt etwa die Hälfte aller Autos illegal. Auch wenn die Busse jetzt am Wochenende stündlich fahren - die Situation hat sich noch nicht gebessert.

Ein Vorschlag zur Linderung des Problems kam von den Anliegern selbst: Nutzt doch die Wiesen an der Lichtenhainer Mühle mit als Parkplatz. Das ist kurios. Denn auf der anderen Seiten war in den Medien (z.B. Dresdner Neueste Nachrichten) zu lesen, daß sich u.a. die Wirte im Kirnitzschtal heftig gegen die geplante Novellierung der Nationalparkverordnung stemmen, auch weil „die NLPV unsere Wiesen zuwachsen lassen will“. Während der regelmäßig stattfindenden Treffen der Umwelt- und Bergsportverbände bei der NLPV bekamen wir diese „Renaturierungspläne“ zu Gesicht (die einen solchen Namen nicht verdienen würden) und erfuhren, daß gerade die Wiesen an der Lichtenhainer Mühle vor dem Zuwachsen bewahrt bleiben sollen, um die Sichtbeziehungen zu erhalten. Doch was sind parkende Autos eigentlich für Sichtbeziehungen? Es erscheint zumindest widersprüchlich.

Widersprüchlich auch das Nachtparkverbot. Es ist auf den vom Forst betriebenen Parkplätzen ausgewiesen, doch auf den Privatparkplätzen der Gaststätten nicht durchzusetzen. Noch widersprüchlicher erschien jedoch manchem Besucher des Kirnitzschtales zu Pfingsten 2002, was sich auf dem Zeltplatz Ostrauer Mühle abspielte. Er wurde wieder flußabwärts „verlängert“. Der Betreiber hatte 2001 den Antrag gestellt, die Wiesen unterhalb der Brücke jährlich bis Pfingsten nutzen zu können. Dieser Antrag wurde zumindest von NLPV und Grüner Liga abgelehnt, weil diese Wiese zur Straße hin nicht abgesichert ist, die Brennholzbeschaffung unklar ist, Feuer nicht oder schlecht kontrolliert werden können, die Fahrzeuge keine Parkplätze haben und nicht zuletzt sanitäre Anlagen fehlen.

Erstaunlicherweise genehmigte das Regierungspräsidium dem Zeltplatzbetreiber dennoch eine auf zwei Jahre befristete Erweiterung unter strengen Auflagen: Auf bis zu 150m Länge darf die Wiese genutzt werden, und nur eine Feuerstelle ist erlaubt (die Genehmigung ist vom Forst einzuholen, Feuerholz muß bereit gestellt werden). Die Praxis: Auf 400m Länge wurde die Wiese genutzt - mehr ging nicht, dann war sie zu Ende; 18 statt einer Feuerstelle zählten wir selbst, Genehmigungen wurden keine eingeholt, und riesige Müllmengen sollen sich angesammelt haben (die allerdings sehr schnell beräumt wurden). Auf ca. 50m hatte sich der Zeltplatz - samt Feuerstellen natürlich - einem Uhuhorst genähert. Alles wurde von der NLPV dokumentiert und dem Regierungspräsidium vorgelegt.

Was wird es für Konsequenzen geben? Den Bergfreunden wäre schwerer zu vermitteln, wieso man bis August auf das Klettern an den drei Gipfeln weiter flußabwärts verzichten soll, vom Feuerverbot ganz zu schweigen ...

Dr. Reinhard Wobst


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