Sächsische Schweiz Initiative, Heft 17, Herbst 2000

Naturschutz-Jubiläen im Polenz-Engtal

Das Polenz-Engtal unterhalb von Hohnstein zählt zum ökologisch wertvollsten Teil der Vorderen Sächsischen Schweiz. Hier ist jenes Lokalklima der Sandsteingründe besonders stark ausgeprägt, das sich bekanntlich durch ausgeglichenen Temperaturgang (wintermild und sommerkühl wie in einem guten Keller, daher auch Kellerklima genannt), nahezu gleichbleibende Luftfeuchte sowie hohe Windruhe auszeichnet.

Dadurch kommt in dieser Klamm auch eine deutliche Höhenstufen-Umkehr zustande. Im Gegensatz zu den sonst landesüblichen Verhältnissen können wir nämlich auf der Talsohle vermehrt Pflanzen- und Tierarten der Gebirgstufe, auf den höher gelegenen Felsriffen aber sogar Vertreter der Tieflandsstufe antreffen, obwohl wir uns eigentlich in der Hügellandschaft befinden.

Außerdem weist die Polenz im Engtal noch einen weitgehend ursprünglichen Wildbach-Charakter auf. Dank früher Zurückdrängung intensiver Landnutzung in diesem klammartigen Waldtal stellt überdies die vorhandene Vegetation bereits eine recht fortgeschrittene Phase von Rückentwicklung zum Urwald dar. Jenes abwechslungsreiche Waldgefüge hat schließlich die natürliche Verjüngung der Weißtanne immer mehr begünstigt. Im Polenz-Engtal konnten sich dadurch auch als eine Art letztes Refugium noch etliche vitale Alttannen erhalten, anderswo ist diese sensible Baumart in Sachsen ja schon seit längerer Zeit vom Aussterben bedroht.

Aufgrund solch besonderer Naturausstattung hat sich der staatliche Naturschutz glücklicherweise bereits sehr frühzeitig dieser einmaligen Felsklamm angenommen. Vor genau 60 Jahren - am 16. Januar 1940 - wurde das Polenz-Engtal trotz Beginn des unseligen Weltkrieges zum Naturschutzgebiet erklärt und Jahre später - vor 10 Jahren am 1.Oktober 1990 - in den Nationalpark Sächsische Schweiz überführt.

Ein Vorläufer dazu war der 1912 von der Forstverwaltung an der Hohnsteiner Oberhangkante des Polenztales eingerichtete Bannwald am Begangsteig, der ab 1925 - also vor 75 Jahren - trotz seiner geringen Flächenausdehnung auch schon als Naturschutzgebiet bezeichnet wurde. Sehr entscheidend für den Erhalt der heute nahezu ungestörten Naturverhältnisse im Hohnsteiner Polenz-Engtal war aber außerdem, daß die nach 1890 ernsthaft erwogenen Pläne zum Bau einer Polenztal-Eisenbahn von Porschdorf nach Hohnstein, ja sogar bis Neustadt nicht zur Ausführung kamen und ein um 1893 bei der Waltersdorfer Mühle geplanter Aufstau der Polenz zwecks Einrichtung einer Kahnfahrt ebenfalls nicht verwirklicht wurde.

Möge diesem besonderen Kleinod unserer Sächsischen Schweiz auch weiterhin ein solch fürsorglicher Schutz beschieden sein; denn wirksame Naturschutzarbeit ist nur mit Kontinuität in historischen Dimensionen möglich.

Dietrich Graf