<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Wegekonzeption Nationalpark Sächsische Schweiz und Kfz-Verkehr in entlegensten Gebieten

Die folgenden Zeilen drücken meine ernste Sorge um den Erhalt der einmalig schönen Natur im Elbsandsteingebirge aus. Diese Sorge beruht auf dem seit einiger Zeit zu beobachtenden Wechsel in der Strategie der Nationalparkverwaltung (NPV) weg von einem Naturschutz mit und für den Menschen hin zu einem Naturschutz gegen den Menschen.

In dieser inhaltlichen Neuorientierung, die nach meiner Auffassung eine Fehlorientierung darstellt, sehe ich die Hauptgefahr für den dauerhaften Schutz der Natur im Nationalpark. Hinzu kommen weitere konkrete Handlungen im Schutzgebiet, auf die ich später eingehen werde.

Die neue Strategie der NPV zieht eine deutliche Trennung zwischen Mensch und Natur und verkennt, daß der Mensch ebenso ein natürliches Wesen ist, wie Tiere und Pflanzen und die Anwesenheit der Spezies homo sapiens seit über einer Million Jahren zur normalen Naturausstat-tung einer mitteleuropäischen Landschaft gehört. Die bloße Anwesenheit von Menschen, die sich ohne technische Hilfsmittel fortbewegen und auf die sie umgebende Natur nur durch ihre normalen Körperfunktionen einwirken, wird mit schädigenden Einflüssen, wie z. B. Befahren mit Kraftfahrzeugen, Ausgraben von Blumen, Fällen von Bäumen usw. gleichgesetzt.

Daraus ergibt sich für die NPV die logische Konsequenz, daß die Anwesenheit von Menschen im Nationalpark möglichst verhindert werden soll (vgl. auch "Nationalparkprogramm" S. 47). Wo das nicht möglich ist, wird eine strenge Trennung von Mensch und Natur angestrebt und auch äußerlich durch das Aufstellen überdimensionierter Geländer und Absperrungen manifestiert. Die im Oktober 1998 vorgelegte Wegekonzeption stellt mit ihren Forderungen nach flächenhafter Ruhigstellung, Benutzungszwang für markierte Wanderwege in der Kernzone, Reduzierung des Wegenetzes usw. den Handlungsplan für die weitere Umsetzung eines Konzeptes der Entfremdung des Menschen von der Natur dar.

Bei Kindern und Jugendlichen kann, falls die Planungen dieser Wegekonzeption umgesetzt werden, schwer das Gefühl der Zugehörigkeit zur Natur, das Wissen darum, selbst ein Teil dieses äußerst verletzlichen Systems zu sein, entstehen. Naturverbundenheit entsteht nur, wenn Jugendliche die Natur erkunden und erleben können, ohne gegängelt zu werden. Sie entwickeln beim Boofen und Erkunden verschwiegener Pfade in abgelegenen Schlüchten ganz von selbst ein Gespür dafür, Teil dieses Ökosystems zu sein.

Führungen auf eingezäunten Wegen hingegen, bei denen gewiß mit viel Engagement Tiere und Pflanzen erklärt werden, haben nicht viel mehr Wirkung als ein Zoobesuch. Bestenfalls werden sie als "coole action" registriert, und in eine Reihe mit Museumsbesuchen, Sportveranstaltungen, Fernsehsendungen und Internet-Bildern gestellt. Ein bleibendes Gefühl für die Schutzwürdigkeit der Natur in einer Zeit, in der man meint, alles kaufen zu können, entwickelt sich dabei nicht.

Was konkrete Handlungen der NPV betrifft, die im Widerspruch zur geltenden Nationalparkordnung stehen, so will ich hier nur einige Beispiele geben:

An erster Stelle ist eine Öffentlichkeitsarbeit zu nennen, die bewußt falsche Informationen lanciert. Immer wieder wird in der Presse ein Rechtszustand beschrieben, wie er zwar von der NPV gewünscht wird, der aber nicht den Tatsachen entspricht (siehe u.a. im Amtsblatt des Landkreises). So wird regelmäßig behauptet, die Nationalparkverordnung muß novelliert werden, weil es in der Kernzone keie unmarkierte Wege und Pfade mehr geben darf. Im Wegekonzept sind entsprechende Änderungsvorschläge für eine Novellierung der Nationalpark-Verordnung enthalten.

Weiterhin ist der stark angewachsene Kraftfahrzeugverkehr selbst auf abgelegensten Wegen zu nennen. Zum Beispiel wurden am 12.04.99 unterhalb des Müllersteins innerhalb einer Stunde (15 bis 16 Uhr) drei Kfz mit völlig unangepaßter Geschwindigkeit beobachtet. Der letzte setzte Personen im Wald ab (Jäger??). Ich selbst habe im vergangenen Jahr im Kleinen Zschand ebenfalls innerhalb einer Stunde fünf Pkw beobachtet, die jeweils mit nur einer Person besetzt waren. Selbst an der Goldsteinaussicht und bis an die Aussicht über der Wenzelwand im Schmilkaer Gebiet sind Reifenspuren zu sehen. Der zu sperrende Weg auf den Kleinen Winterberg wies im April 1999 starke Reifenspuren auf, wahrscheinlich von Jägern, die auf den neu angelegten Jagdplatz auf dem Kleinen Winterberg gelangen wollten.

Insgesamt wird regelmäßig auf einer Reihe von Wegen mit Kraftfahrzeugen gefahren, deren Benutzung durch Radfahrer in Verhandlungen mit dem ADFC 1997 von der NPV aus Naturschutzgründen strikt abgelehnt wurde. Daß man kaum noch von der Schmilkaer Fähre zur Zwieselhütte laufen kann, ohne mit mehreren Kfz in Konflikt zu kommen und auf der Winterbergstraße Geschwindigkeiten von 40 km/h und mehr gefahren werden, sei nur am Rande erwähnt. Der Fahrverkehr auch durch Kfz der Nationalparkverwaltung auf den Großen Winterberg (nicht nur zu Ostern 1999) hat Ausmaße angenommen, die in der Kernzone nicht sein dürften.

Ein beredtes Zeugnis vom tatsächlichen Verhältnis der NPV zur Natur gibt das Foto auf Seite 41 des "Nationalparkprogramms". Die zum Schutz der Natur eingestellten Mitarbeiter ausgerechnet vor einem Pkw auf einer Wiese abzulichten, ist eine fast unüberbietbare Geschmacklosigkeit.

Der völlig unverhältnismäßige Ausbau einzelner Fahrwege zu Pisten, welche von schwersten Lkw befahren werden können (Weiberfähre, Untere Affensteinpromende, ...) und gleichzeitig die Zerstörung einer Jahrhunderte alten Straße im Großen Zschand mittels Planierraupe stellen eindeutige Verstöße gegen 6 der Nationalpark-Verordnung dar.

Gleiches gilt für den übertriebenen Ausbau einzelner Wanderwege und die willkürliche Beseitigung anderer (Ziegengrundbrücke).

Wie die weit über 100-jährige Entwicklung des Tourismus in der Sächsischen Schweiz beweist, sind alle diese Maßnahmen ebenso wie das Wegekonzept zumindest völlig überflüssig, wenn nicht schädlich und stehen im Widerspruch zu den in 3 der Nationalpark-Verordnung genannten Schutzzwecken. Wenn sich trotz wesentlich stärkerer touristischer Nutzung in früheren Jahren und massiven Eingriffen durch die Forstwirtschaft ein derart intaktes Ökosystem erhalten hat, wie wir es heute vorfinden, und wenn insbesondere keine schädigende Einflüsse durch Wanderer (die nur an wenigen Tagen des Jahres gehäuft auftreten) nachzuweisen sind, stellt sich ernsthaft die Frage nach dem tatsächlichen Sinn der derzeitigen Maßnahmen. Das unterstreicht die im "Jahresbericht der NPV" beschriebene sehr positive Entwicklung des Bestandes vom Aussterben bedrohter Tiere, die sich trotz der angeblichen "krassen Übererschließung mit Wanderwegen" und Ruhestörungen durch "Verlassen ausgewiesener Wege in der Kernzone" ergab.

Weiterhin ist festzustellen, daß im Auftrage, zumindest aber mit Zustimmung der NPV in der Kernzone der Hinteren Sächsischen Schweiz die angeblich so seltenen, schutz- und ruhebedürftigen Tiere nicht nur bejagt, sondern entgegen jeglichen weidmännischen Traditionen und Regeln in Größenordnungen abgeschossen werden (siehe auch Sebnitzer SZ). Wenn solche Maßnahmen notwendig sind, kann nicht von einem naturbelassenem Gebiet gesprochen werden und "Ruhigstellung" als Grund für die Aussperrung von Naturfreunden angegeben werden.

Soll der Mensch zum Konsumenten gemacht werden, dessen Platz hinter der Windschutzscheibe oder vor dem Computer- oder Fernsehbildschirm ist?

Hans-Günther Heydrich,
ADFC und SBB