<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Ein Blanckmeistersteig am Biensgraben im Niederlohmener Wald

Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft gedachte des 100. Geburtstages eines gebürtigen Lohmeners

Im lohmischen Walde gibt es inzwischen einen dritten Weg, der nach einer hiesigen Persönlichkeit benannt wurde: Dem Nicolaiweg von 1937 und dem Bruno-Barthel-Weg von 1956 folgte 1998 am Biensgraben der Blanckmeistersteig. An allen drei Waldwegen erläutern nunmehr Holztafeln von gleicher Form dem Besucher das Anliegen dieser Namensgebungen: Verdiente Persönlichkeiten von Lohmen sollen dadurch unvergessen bleiben.

Carl Heinrich Nicolai (1739 - 1823) verfaßte bekanntlich als Lohmener Pfarrer 1801 das erste Reisehandbuch für die Sächsische Schweiz und der in Lohmen gebürtige Steinbrecher Bruno Barthel (1885 - 1956) gilt nach wie vor als der maßgeblichste Mundarterzähler der Sächsischen Schweiz - wer aber war Blanckmeister? Das wird wohl den wenigsten Freunden des einstigen Meißener Hochlandes bekannt sein. Deshalb erscheint dazu ein kurzer Bericht sehr angebracht.

Prof. Dr.-Ing. habil. Johannes Blanckmeister war der bedeutendste Tharandter Forstwissenschaftler der Nachkriegszeit. Er wurde am 4. Dezember 1898 in Lohmen geboren. Sein Vater war hier ein geachteter Landarzt, dessen ausgeprägt soziales Engagement im Ort noch bis heute überliefert ist. Johannes Blanckmeister studierte nach dem Besuch des Pirnaer Gymnasiums Forstwirtschaft in Tharandt. Die forstliche Praxis lernte Blanckmeister nach dem Studium zunächst als Forsteinrichter kennen. Mit 32 Jahren übernahm er im Februar 1931 die Leitung des im nordwestsächsischen Tiefland gelegenen Forstamtes Wermsdorf. Als Wermsdorfer Forstmeister setzte sich Blanckmeister bereits mit all den Grundfragen auseinander, die er später als Tharandter Forstwissenschaftler erneut aufgriff und so meisterhaft zu einem fachwissenschaftlich wie philosophischen Ganzen zusammenführte: Pflanzensoziologie als Brücke zwischen Standortserkundung und Waldbau, innige Verbindung von Waldbau und Forsteinrichtung zum Zwecke einer organisch-dynamischen Ordnung im Walde, Anerkennung der Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur durch Einheit von Landnutzung und Naturbewahrung. Das Manuskript zu Blanckmeisters Hauptwerk "Die räumliche und zeitliche Ordnung im Walde des mitteleuropäischen Raumes" war übrigens während der Kriegsjahre sicherheitshalber bei Verwandten in der Waitzdorfer Schänke ausgelagert gewesen, später bildete es das Grundgerüst für Blanckmeisters Habilitationsschrift.

In die Wermsdorfer Zeit fallen auch Blanckmeisters enge, ja freundschaftliche Kontakte zu Hermann Krutzsch im Forstamt Bärenfels, der seine Kindheit ebenfalls in der Sächsischen Schweiz -nämlich in Hohnstein- verbrachte, und zu Dr. Willy Wobst, der seit 1931 das Forstamt Hinterhermsdorf leitete. Alle drei Praktiker waren von den Ideen der aufkommenden naturgemäßen Waldwirtschaft durchdrungen. Sie trafen sich regelmäßig zum Gedankenaustausch in ihren Revieren. Auf Hinterhermsdorfer Revier bestiegen sie anläßlich einer solchen Begegnung den Raumberg und kamen auf diesem Gipfel überein, unentwegt und kompromißlos für eine naturgemäße Waldwirtschaft zu wirken ("Schwur vom Raumberg"). Folgerichtig unterstützten alle Drei nach Kriegsende die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft. Krutzsch und Blanckmeister gehörten zu den wenigen ostdeutschen Unterzeichnern des Gründungsaufrufes von 1950; Wobst war bereits 1943 wegen eines jagdlichen Vorkommnisses -mehr Vorwand als Vorfall- durch NSDAP-Gauleiter Mutschmann des Landes Sachsen verwiesen worden und im heute niedersächsischen Seesen ansässig geworden. Unter den sächsischen Naturgemäßen war damals Krutzsch der Kämpfer und Propagandist, Wobst der Erprober und schöpferische Waldgestalter, Blanckmeister der Theoretiker, ja sogar Philosoph. Er starb hochbetagt am 5.April 1982 in Dresden.

Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) hat sich nach nahezu 50 Jahren ihrer Gründung längst zu einem deutschlandweit starken Verband entwickelt. Seit 1992 besteht auch in Sachsen eine Landesgruppe der ANW. Die ANW ist eine vorrangig waldbaulich ausgerichtete Arbeitsgemeinschaft, die in Form eines naturgemäßen Mehrzweckwaldes -im Gegensatz zum Schlagwald des Kahlschlagbetriebes auch Dauerwald genannt- die Einheit von Landnutzung und Naturbewahrung anstrebt. Sie stellt aber weniger einen Schutzverband, sondern eher einen Bildungsverein dar, der den Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu naturgemäßen Methoden bei der Waldbewirtschaftung fördern und in Beispielbetrieben verwirklichen helfen will. Sie versteht sich als Partner der ökologisch orientierten Landnutzung und unterstützt Naturschutzvorhaben in der Gesamtlandschaft, nicht bloß im Walde. Die ANW-Landesgruppe Sachsen fühlt sich außerdem den Grundsätzen von PRO SILVA, einem 1989 in Slowenien gegründeten "Verband der naturnah denkenden Forstleute in Europa", verpflichtet. Die ANW ist vor allem für Förster, Waldarbeiter und Waldbesitzer, aber auch für jeden ernsthaft am Waldgeschehen Interessierten offen. Die Wurzeln der ANW reichen bis in das Vorkriegssachsen. Es lag daher nahe, daß die ANW-Landesgruppe Sachsen anläßlich der 100. Wiederkehr des Geburtstages von Professor Blanckmeister in Lohmen im Zusammenwirken mit dem hiesigen Forstamt und der örtlichen Gemeindeverwaltung eine würdige Gedenkveranstaltung ausrichtete. Sie fand am 5. Dezember 1998 mit über 100 Teilnehmern im geschichtsträchtigen Erbgericht -hier übernachteten schon vor 200 Jahren die ersten Fremden auf ihrer Reiseroute von Dresden aus durch die gerade "entdeckte" Sächsische Schweiz- ganz in der Nähe von Blanckmeisters Geburtshaus (Basteistraße 5) statt. Inhaltlicher Höhepunkt dieser Tagung war der Festvortrag von Professor Thomasius, einst Schüler und Nachfolger von Blanckmeister in Tharandt.

Am 4. Dezember 1998 wäre Professor Blanckmeister also 100 Jahre alt geworden. An diesem Tage trafen sich frühmorgens einige Lohmener Waldarbeiter mit ihrem Forstamtsleiter und Revierleiter in der zwischen Alter und Neuer Dobraer Straße gelegenen Abteilung 49, um an einem 1970 für die Holzbringung angelegten Waldweg in aller Stille eine Gedenktafel für Professor Blanckmeister aufzustellen, der hier ab 1952 zusammen mit Oberförster Erich Drechsel (1913 - 1995) und Revierleiter Gerhard Schmeja (1901 - 1986) einen Tharandter Dauerwald-Versuch betreut hatte. Am nächsten Tag erhielt dann der Rückeweg bei einem gemeinsamen Waldbegang mit Teilnehmern der "Lohmener Blanckmeister-Ehrung 1998" die Bezeichnung "Blanckmeistersteig".

Das Waldgebiet zwischen Biensgraben und Brausnitzbach ist -vom Motorenlärm auf der nahen Straße einmal abgesehen- ein recht stiller Winkel der Sächsischen Schweiz geblieben. Dabei läßt es sich zwischen Laubborn und Wesenitzklamm, Fuchshübel und Kuhberg eigentlich zu jeder Jahreszeit gut wandern!

Dietrich Graf,

Vorsitzender der ANW-Landesgruppe Sachsen