<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Nationalpark - wohin?

Spätestens seit den Auseinandersetzungen um die Wanderwege (vgl. SSI-Heft 15) wird auch Außenstehenden klar, daß es im Zusammenhang mit dem Nationalpark offenbar auf vielen Gebieten gegensätzliche Interessen gibt. Seitens der Nationalparkverwaltung wird gelegentlich behauptet, die Bergsteiger wollen sich Privilegien sichern. Dagegen ist von SBB-Seite zu hören, daß überzogener Naturschutz nicht akzeptabel ist. Für den Außenstehenden ist es manchmal schwer, diese Interessenkonflikte zu durchschauen. Manche sehen das Ganze sogar als einen privaten Krieg zwischen wenigen Personen an. Andere denken vielleicht, Bergsteiger seien scheinheilige Naturschützer und nur auf ihren Vorteil bedacht. Überhaupt - wo stehen eigentlich die Naturschutzverbände? Auf Seiten des Nationalparks?

Der folgende Artikel soll beim Abbau von Mißverständnissen helfen oder - noch besser - diesen vorbeugen. Ich selbst bekenne mich dabei offen zur Position des gemäßigten Naturschutzes, wie er derzeit nach unserem Eindruck von der NPV nicht verfolgt wird. Abweichende Meinungen sind erlaubt.

Negative Entwicklungen ...

Tatsache ist, daß noch kein Nationalparkthema in den Medien so präsent war wie die beabsichtigten Einschränkungen bei Wanderwegen. Das verwundert wenig: Unter Wanderwegen kann sich jeder etwas vorstellen, und keiner will sie freiwillig hergeben, selbst wenn er sie noch gar nicht gelaufen ist. Die grandiose BILD-Überschrift "Irre! 190 km Wanderwege klammheimlich gesperrt!" vom 23.6.98 hatte mit der Wahrheit nur sehr bedingt zu tun, komprimiert aber ebenso gut wie ungenau die öffentliche Meinung. Dabei übersieht man leicht, daß es derzeit um mehr geht: Um die Art und Weise des Wegeausbaues, die Konzepte der Besucherlenkung (Reizwort Kanalisierung), Boofen, Klettern, Kletterpfade, Klettersteige, Bewachung von Wanderfalken-Horsten, Erosionssanierungen, fremde Nutzungsarten wie Mountainbiking, ja überhaupt um unser zukünftiges Verhältnis zu unserer Felsenheimat.

Tatsache ist auch, daß die Sächsische Schweiz insgesamt (unter anderem die Fläche des Nationalparkes) seit über 100 Jahren intensiv touristisch wie auch wirtschaftlich genutzt wird (letzteres schon viel länger). Dabei hat es durchaus negative Entwicklungen gegeben. Die nachhaltigste Veränderung geschah sicherlich durch die Forstwirtschaft, der wir vorherrschende Fichten-Monokulturen zu verdanken haben. Diese sind unnatürlich, anfällig für Schädlingsbefall und Windbruch und nur über viele Jahrzehnte hinweg zu korrigieren. Eine flächenmäßig unbedeutendere, uns damals jedoch viel schmerzlicher erscheinende Entwicklung begann etwa 1980 durch übermäßiges wildes Boofen (Freiübernachten in der heutigen Amtssprache) sowie flächendeckenden Tourismus über das ganze Jahr hinweg. Beides bedingt starke Erosion, die Landschaften unwiederbringlich verändern kann. Beispielsweise kannte ich die Schlucht zur unteren Häntzschelstiege in den Affensteinen im Jahr 1977 noch als Wald. Dieser Wald wurde "totgetrampelt"! Niemand hatte dort die dicken Bäume gefällt. Sie fielen einfach um, nachdem ihre Wurzeln freigelegt waren. Das habe ich selbst über die Jahre miterlebt. Vielleicht erlebe ich es noch, daß dort wieder Wald wächst.

Auch unter der Vermüllung von damals leiden wir bis heute. So wie wir die Glasscherben der alten Ägypter finden, werden in wenigen tausend Jahren unsere Nachfahren (ich hoffe, es gibt welche) die Alltagsgewohnheiten der langhaarigen Abenteuertouristen Anfang der 80er Jahre anhand ihrer zurückgelassenen Glasscherben zu ergründen versuchen. Ob sie herausfinden werden, daß die braunen Scherben vom "Coschützer Gelbkreuz" stammen? (Für die, die aufgrund ihres Jahrganges oder der ungünstigen Wohnlage nicht in dessen Genuß kamen: So nannten wir das billigste und schlechteste Bier der Brauerei in Dresden-Coschütz.)

Für die zunehmende Belastung in den 70er und 80er Jahren gab es zwei Ursachen: Die Besucher hatten mehr Freizeit, und sie konnten nur sehr beschränkt reisen. So traf man auch noch im November auf ausreichend FDGB-Urlauber. Die zweite Ursache ist glücklicherweise entfallen. Es gibt jetzt wieder eine spürbare "Saison" (zum Leidwesen der Tourismusindustrie), und auch der befürchtete Schwall der West-Touristen hält sich ziemlich in Grenzen. Landschaft allein lockt nur einige an; zum Tourismus gehört noch mehr als z.B. ein Kiosk am Krippener Bahnhof, der 17 Uhr schließt. Erfreuliche Entwicklungen will ich damit nicht schmälern, doch bevor hier Information, öffentlicher Verkehr, Qualität von Gastronomie und Quartieren oder auch nur das Image des "Ostens" die zahlungskräftigen Touristen in Scharen herbeilocken, dürfte noch viel Wasser die Elbe hinunterfließen.

... und positive Beispiele

Zurück zum Thema. Neben den negativen Erscheinungen, die oft genug genannt werden, gab es nämlich in den letzten 100 Jahren auch viel Positives. Hier hat sich eine touristische Kultur herausgebildet, die wohl ihresgleichen sucht. Ein bekanntes Beispiel in diesem Zusammenhang liefern die Bergsteiger, die mit ihren selbst auferlegten sächsischen Regeln den Felsen als etwas Natürliches, möglichst nicht zu Veränderndes respektierten: Wir wollen keine Freiluftturner sein, sondern ausschließlich mit natürlichen Hilfsmitteln auf Punkte gelangen, die man nur kletternd erreichen kann. Über das Thema ist genug geschrieben worden, auch über den Einsatz der Bergsteiger für ihr Gebiet, z.B. bei Erosionssanierungen und Wegebau (so wurden Heilige Stiege und Schrammsteingratweg komplett von Klettersektionen errichtet).

Weniger traditionsbeladen, dafür ganz selbstverständlich war die Sächsische Schweiz aber auch das Erholungsgebiet für ungezählte Wanderer. Und eigentlich darf man das gar nicht vom Bergsteigen trennen - oft genug sind Bergsteiger ebenso Wanderer. Eine der schönsten Mittelgebirgslandschaften in Europa nur eine Zugstunde von einem Gebiet mit 700.000 Einwohnern entfernt: Allein diese Angaben sprechen für sich. Die Sächsische Schweiz ist für eine sehr, sehr große Anzahl von Menschen ein wichtiges Stück ihrer Heimat.

Und nicht nur Bergsteiger haben gebooft. Ich denke dabei ungern daran, wie manchmal ganze Schulklassen die großen Abenteuer draußen erleben wollten. So etwas verträgt das Gebirge nicht. Andere, unauffälligere Besucher haben dagegen große Wanderungen gemacht und zwischendurch draußen geschlafen. Ich besinne mich gut, daß solche Gäste für " uns Bergsteiger" genauso dazugehörten, obwohl sie doch gar nicht kletterten ...

Ich bekam erst durch das Boofen ein wirklich inniges Verhältnis zur Natur. Natürlich ist Boofen ein zweischneidiges Schwert: Sobald sich zu viele daneben benehmen oder es einfach zu viele Boofer werden, sind die Schäden nicht mehr zu tolerieren. Andererseit liebt man sein Gebirge ganz anders, wenn man nachts einmal allein durch den Wald gestolpert ist oder sich einmal bei Unwetter in die Boofe verkrochen hatte und am nächsten Morgen bei strahlender Sonne aufwachte. Oder ein Reh vorbeischlich, die Meisen früh an den Fäden vom Schlafsack zupften und die Bilche wieder mal ein Loch in den Rucksack gefressen hatten, weil man vergaß, das obligatorische Brotstück auf einen Stein zu legen.

Genug davon. Wer’s mitgemacht hat, den brauche ich nicht zu überzeugen, und wer Naturschutz nur als biologisches Sachgebiet auffaßt, wird’s nicht begreifen.

So ergab sich ganz von selbst, daß Mitte der 80er Jahre die erste Landschaftsschutzinspektion zu 80% aus Bergsteigern und Angehörigen des Bergunfalldienstes bestand. Wer seine Natur und Heimat liebt, sieht nicht zu, wenn sie zerstört wird - jedenfalls finden sich genügend Leute, die dagegen einschreiten wollen.

Trotz all dieser Widersprüche, trotz Abenteuerboofer und Kahlschlagwirtschaft, trotz lauter Urlauber auch im November und Schwefeldioxid in der Luft blieb ein so schützenswertes Stück Natur erhalten, daß es heute als Nationalpark eingestuft werden kann. Mit einem großen Artenreichtum und einem erstaunlich intakten, aber noch erstaunlicher vielfältige Wegenetz.

Ja, und nun? Was ist jetzt los? Wollen wir keinen Naturschutz mehr, ist die Nationalparkverwaltung etwa für die Bergsteiger/Wanderer das "Reich des Bösen" geworden? Natürlich nicht. Jeder, der so etwas behauptet, verfolgt wenig edle Absichten damit. Beim flüchtigen Zeitunglesen entsteht vielleicht manchmal solch ein Eindruck. Aber nur manchmal, und nur beim flüchtigen Lesen.

Was wir wollen

Was wir Wanderer, Bergsteiger, einfach die traditionellen Besucher der Sächsischen Schweiz wollen, ist das Erleben der Natur in etwa der bisherigen Form beibehalten zu können. Dazu gehört eben nicht nur das Klettern, auch wenn es Nur-Kletterer gibt. Dazu gehört eben nicht nur das Wandern auf den markierten Hauptwanderwegen, auch wenn mancher gern gesehene (weil zahlungskräftige) Tourist nur diese kennenlernt. Selbst das Boofen, Verzeihung, Freiübernachten in der dickholzgerahmten erosionsverbauten Freiübernachtungsstelle mit der forstwirtschaftlich gestatteten Feuerstelle ist nur auf dem Papier das wahre Vergnügen. Jaja, formal kann das alles Unkundige beeindrucken. Nur die Romantik und der leise Hauch des Abenteuers sind dabei verlorengegangen. Nicht nur beim Boofen. In den 80er Jahren war die Serpentine zum Kleinen Winterberg einmal so vereist, daß wir ein Stück auf allen vieren hochkrochen und einen Mordsspaß hatten. Im letzten Winter rutschten wir an gleicher Stelle auf völlig ungeeigneten, vereisten Holztreppen hinunter und konnten die dicken Geländer nicht fassen (Abb.1 und 2). Das wurde in harmlosem Gelände gefährlich, und wir fluchten - mordsmäßig. Am Lottersteig in Rathen reagierten Bewohner der dort gelegenen Hütten auf ihre Weise: Sie brachten an dem dicken Geländer neben der Treppe ein Hangelseil an, damit man sich (nicht nur) bei Glatteis noch festhalten kann (Abb.3). Eigentlich erfüllten Geländer ursprünglich diesen Zweck und nicht den des Absperrens.

Doch nicht nur der mancherorts geradezu groteske Wegeausbau stößt den Wanderer sauer auf. Stück für Stück sind bereits viele Wege gesperrt worden und Wegweiser ver-schwunden. In der Kernzone haben wir bereits auf mehr als ein Drittel aller Pfade verzichtet, größtenteils freiwillig. Gebooft wird dort übrigens schon seit 1985 nicht mehr, oder vielmehr nur von Leuten, die sich partout nach keinen Gesetzen richten wollen und gegenüber der Natur nur lückenhaftes Verständnis zeigen.

Soviel hat sich also bereits geändert. Das für diejenigen, die behaupten, es ginge nur um Befürchtungen um mögliche Einschränkungen in der Zukunft.

Wohin die Nationalparkverwaltung will

Und soviel zu dem, was wir traditionellen Besucher und Nutzer der Sächsischen Schweiz wollen. Wohin steuert nun die Nationalparkverwaltung? Von dieser Seite hören wir Worte wie "IUCN-Kriterien", "Zielnationalpark", "Besucherlenkung", "Ruhigstellung", "Renaturierung", "Wegesicherungspflicht" und dergleichen mehr, die keinen guten Klang hatten und haben - jedenfalls in der Interpretationsweise der NPV.

Die Wegekonzeption der NPV war für uns zunächst ein Schreckgespenst. Die internationalen Kriterien für Schutzgebiete (IUCN) schreiben zum Beispiel vor, daß 75% der Fläche dem primären Schutzzweck zu dienen haben. Also in Zukunft - auch wenn diese noch so fern liegen sollte - drei Viertel des Nationalparkes Kernzone? Gar nicht auszudenken! Bei diesbezüglichen Anfragen kamen ausweichende, teils bestätigende Antworten, was unsere Bedenken nicht gerade verringerte. "Zielnationalpark" heißt: Noch sind wir nicht dort, wo wir hin wollen (z.B. sind noch forstliche Maßnahmen notwendig), aber die Richtung ist vorgegeben. Besucherlenkung? Stark vereinfacht ausgedrückt: Besucher sollen vorwiegend auf den großen, ausgebauten Wegen bleiben. Eine flächendeckende Gebietsbelastung soll vermieden werden. "Ruhigstellung" ist ein vornehmer Ausdruck für "Ich muß draußen bleiben!". Die plastischste Verdeutlichung für den Begriff "Renaturierung" liefert das ehemalige Ferienheim Waltersdorfer Mühle im Polenztal: Es ist weg. Das war von der Sache her in Ordnung, nur der Begriff "Renaturierung" erinnert in diesem Zusammenhang arg an "Befriedung". So werden die Bauchschmerzen bei Formulierungen wie "dieser Pfad wird renaturiert" noch stärker, als sie es ohnehin schon sind.

Ja, und "Wegesicherungspflicht" heißt ganz einfach: Forst bzw. NPV sind für die Sicherheit auf den Wegen verantwortlich. Wenn "Herrn Justitiarreferend Holzhütten-Bröselmeier" bei starkem Wind ein Ast auf den Kopf fällt, kann dieser den Eigentümer auf Schadenersatz für zeitweilig reduziertes Denkvermögen verklagen. Solche Befürchtungen sind rechtlich nicht haltbar, wie die Konsultation mehrerer Juristen ergab, und die praktischen Möglichkeiten sind auch arg begrenzt: Auf dem Füllhölzelweg zwischen Ziegenrücken und Polenztal, der "stöckelschuhfest" ausgebaut ist, war einfach so ein großer Baum umgefallen und hat das dicke Geländer zerschmettert. Wenn da jemand unter den Baum gekommen wäre ... Und trotzdem wird gebetsmühlenhaft die Wegsicherungspflicht immer wieder zitiert. Die praktischen Folgen dieser irrationalen Angst der Verantwortlichen sehen wir an den Beispielen Breite Kluft, Kleiner Winterberg und unzähligen weiteren, massiven Holzkonstruktionen. Der lächerlichste Auswuchs in diesem Zusammenhang war eine Berechnung seitens der NPV (zu finden in ihrer Wegekonzeption), nach der bei Einhaltung der Wegesicherungspflicht rechts und links jedes Weges/Pfades jeweils eine Baumlänge breit alles ausgeästet werden müßte. Diese Breite wurde mit der Gesamtlänge der Wege multipliziert, das macht - ich sag’ es lieber nicht, wieviel Prozent der NP-Fläche.

Schlußfolgerung: Die Wegezahl muß reduziert werden. Da bleiben Topographie (Abgründe, Felswände), Wegekreuzungen, Bewuchsform und überhaupt jegliche Logik auf der Strecke. Nach dieser Auffassung müßte auch der Lehnsteig sofort gesperrt werden. Die geschützten Riffkiefernbestände auf den höhergelegenen Hörnern müssen unangetastet bleiben, stellen bei Wind jedoch eine unzumutbare Gefährdung des Herrn Holzhütten-Bröselmeier dar: weg mit diesem Weg.

Das Bild, das sich abzeichnet, ist durchaus bedrohlich. Der "neuzeitliche" Naturgenuß hat sich offensichtlich auf ausgebauten Trassen zu vollziehen, große Flächen und fast alle Riffe (wie z.B. die Schneeberger Aussichten) sollen unzugänglich werden, Boofen wird nur noch an bestimmten, vorgeschriebenen Stellen gestattet sein (und eines Tages etwa gar nicht mehr?), Gipfel werden nur über spezialmarkierte Pfaden erreicht - ist das Naturschutz? Aber sicher! Schließlich wird die Natur vor ihrem größten Störenfried geschützt!!

Zweifel sind angebracht

Doch es kommen erste Zweifel auf, wenn man hört, daß Wildnis das Ziel des Schutzes ist, typischerweise begründet mit dem oft gehörten Satz "Laßt der Natur doch auch ihren Raum, der Mensch ist so schon überall!" Das ist nämlich fachlich falsch. In Gebieten, wo die Natur sich über Jahrhunderte hinweg ohne menschliche Einwirkung entwickeln konnte und sehr empfindlich auf menschliche Störungen reagieren würde, muß der Mensch - will er die Wildnis bewahren - fernbleiben. Die Sächsische Schweiz dagegen ist zwar wild, aber keine Wildnis. Die derzeitige Artenvielfalt ist wesentlich auch auf den Einfluß des Menschen zurückführen. So lebt der Uhu nicht allein in den Wald-Fels-Gebieten, sondern jagt nachts auf den umliegenden Feldern. Siebenschläfer haben sich wohl auch dank der Boofer so zahlreich erhalten. Ganz zu schweigen von der Jagd, die den Großwildbestand und damit viele andere Arten wesentlich beeinflußt. Eine vorherrschende, unberührte Wildnis in der Sächsischen Schweiz würde die Artenvielfalt reduzieren. Der stellvertretende Leiter der NPV, Herr Phönix, bestätigte das sogar auf einer Versammlung: "Wir nehmen die Artenreduktion bzw. -Änderung der Arten in Kauf." Ist das etwa das Ziel eines Nationalparks?

Nein, das ist es nicht. Das entspräche der IUCN-Schutzkategorie Ia, um die es hier gar nicht geht. Sicherlich ist es interessant, die Entwicklung völlig unbeeinflußter Natur zu verfolgen. Doch die Verwandlung eines touristisch herausragenden und traditionsbeladenen Gebietes in solch einen Freiluftzoo ist mitten in Europa, nur 40 km von einem Siedlungsgebiet wie dem Oberen Elbtal entfernt, nicht durchsetzbar. Das könnten nur Fundamentalisten am Schreibtisch anstreben.

Nationalparke haben jedoch die IUCN-Kategorie II, und dort hat Erholung einen höheren Stellenwert als Wildnis. Das ist schriftlich fixiert und somit mehr wert als verbale Interpretationen. Ruhezonen schließt das ja nicht aus. Doch es ist wohl mehr im Sinne eines Nationalparks, das 100jährige Wegenetz ungefähr so zu belassen, einschließlich der bisherigen Nutzungsarten, und Beschränkungen nur in begründeten Einzelfällen vorzunehmen. Die Ergebnisse der Umfrage der Bergsportverbände zu den Wanderwegen (ursprünglich für dieses Heft geplant) bestätigen eindrucksvoll, wie sehr dieser Standpunkt der öffentlichen Meinung entspricht. Auch enthalten die IUCN-Kriterien keinerlei Angaben zu irgendwelchen Wanderwegedichten.

Nicht nur der Widerspruch zwischen Wildnis und Artenvielfalt berechtigt zur Kritik an derzeitigen Darstellungen der NPV. Wir haben die Kernzone im Großen Zschand als ein besonders urwüchsiges und daher besonders schützenswertes Gebiet geachtet. Uns war nicht klar, daß auch dort der Fichtenwald offenbar noch viel zu sehr überwiegt und über Jahrzehnte hinweg noch der forstlichen Pflege bedarf, um einen wirklich stabilen Wald wachsen zu lassen. Sonst bricht die Population nämlich auf einmal zusammen, und das ist von keiner Seite gewollt. Der Große Zschand wird weiterhin als Kernzone respektiert werden, aber das Heiligenbild hat einige böse Schrammen bekommen (zumal die Notwendigkeit forstlicher Maßnahmen von Dr.Stein bestritten wird). Solche Folgen kann Naturschutz haben, wenn er auch nur leicht überzogen ist.

Die tatsächlich realisierten Maßnahmen seitens der NPV haben bis heute eine für uns sehr unangenehme Zielrichtung: Der Mensch wird ausgesperrt. Es geht jedoch darum, uns die Natur zu erhalten, indem wir mit ihr rücksichtsvoll umgehen. Deswegen brauchen wir die Natur doch nicht zu meiden! Gewiß gibt es Tierarten, die sehr scheu sind und sich nicht an den Menschen gewöhnen können. Andere wiederum reagieren auf seltene Störungen (auf wenig begangenen Pfaden) viel sensibler als auf regelmäßigen Wanderbetrieb. Vor allem Letzteres diente immer wieder als Begründung für Sperrungen von Wander- und Kletterwegen. Aber das ist einseitig argumentiert. Zum ersten wird der Einfluß der Besucher wohl doch stark überschätzt. Zweitens reagieren nicht alle Arten so empfindlich, sondern nur einige, die durchaus noch Rückzugsgebiete haben - das wird verschwiegen. Drittens muß man sich wirklich fragen, wieweit z.B. der Aufwand den Nutzen rechtfertigen würde, wenn die gesamten Partschenhörner und Teile der Böhmischen Schweiz ruhiggestellt würden, um dem Auerhahn Lebensraum zu geben - wenn dieses Experiment denn gelingt (mal abgesehen davon, daß der Auerhahn früher einen Balzplatz direkt am wichtigen Wanderweg durch den Kleinen Dom hatte). Und viertens wird immer wieder die Akzeptanz der Maßnahmen vergessen. Besucher lassen sich nicht einfach so lenken, es muß ein Einsehen vorhanden sein. Wenn das fehlt, wird guter Rat teuer. Und der Naturschutz hat dann seine Bildungsfunktion verfehlt.

Die Position der Naturschutzverbände

Wo stehen in diesem Hin und Her nun die Naturschutzverbände? Um es vereinfacht auszudrücken: Die Situation der alten Bundesländer, wo Bergsteiger vielerorts gegen grüne Fundamentalisten kämpfen, gibt es hier praktisch nicht. Die Mitgliedschaft der Sächsischen-Schweiz-Initiative (SSI) in der Grünen Liga, einem der wichtigstens Naturschutzverbände in den neuen Bundesländern, sollte auch Außenstehenden zeigen, daß wir eher an einem Strang ziehen. Die Grüne Liga vertritt einen sachlichen, nicht fundamentalistischen Naturschutz, und sie wie auch die SSI gewinnen beide von der Mitgliedschaft. Seit Jahren treffen sich Umweltverbände und Bergsteiger in der NPV, um über allgemeine Probleme (vorwiegend in Wirtschaft und Verkehr) zu diskutieren. Differenzen ergeben sich dann, wenn beispielsweise jemand meint, die Königsbrücker Heide und die Sächsische Schweiz in ähnlicher Weise schützen zu wollen. Oder daß eine Kritik an der Person von Dr. Stein einem privaten Krieg gleichzusetzen wäre. Aber so etwas kam bisher immer durch gravierende Informationsdefizite zustande und ließ sich bisher immer noch durch ein gemeinsames Gespräch beseitigen.

Unserer Meinung sehr gute Gedanken enthält das Wegekonzept des Bundes Sächsische Schweiz. Dort wird in erster Linie die Wiedereinführung einer touristischen Kultur gefordert, der sich die anderen Punkte unterordnen. Es ist höchste Zeit. Das Ansehen "des Nationalparks" hat mächtig gelitten, die Akzeptanz der Maßnahmen ebenso. Wenn man die Naturfreunde verprellt, können wir Naturschutzarbeit vergessen - sie geht nur mit den Menschen. Das ist eigentlich ganz einfach, wird aber anscheinend oft übersehen. Dieses Wegekonzept des Bundes ist übrigens ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig für die SSI der Kontakt zu anderen Umweltverbänden ist.

Tendenzen und Ausblicke

Noch droht die Fortsetzung der negativen Entwicklung. Wie früher schon erwähnt, entfremden TÜV-gerecht ausgebaute Flaniermeilen mit dicken Geländern langsam, aber unmerklich viele Besucher von der Natur. Dieses Jahr wird nach Pressemeldungen dreimal mehr Geld für den Wegebau zur Verfügung stehen als 1998. Eigentlich prima, aber es bleiben die bekannten Bauchschmerzen. Und immer mehr Flächen werden offiziell unzugänglich und damit Jüngeren (disziplinierten) unbekannt; alles bewegt sich immer mehr in geordneten, besuchergelenkten Bahnen. Was man nicht kennt, vermißt man nicht, weiß es aber auch nicht zu schätzen. Langsam und unmerklich wird die Verbundenheit des braven Besuchers mit dieser Landschaft leiden - anderswo gibt es schließlich auch tolle Abenteuer.

Der Effekt ist nicht zu unterschätzen, fast schon politisch. Ab und zu liest man in der Zeitung, daß derzeit bereits mehr Einwohner Sachsens gen Westen ziehen als zu Beginn der 90er Jahre: Pro Jahr etwa 100 000. Das sind in der Regel junge, aktive und gebildete Menschen, die hier am nötigsten gebraucht werden (die Hälfte dieser Gruppe ist jünger als 25 Jahre). Viele sind wegen ihrer Arbeit oder der Ausbildung dazu gezwungen. Aber von denen, die noch die Wahl haben, kenne ich persönlich einige, die nicht zuletzt wegen der Sächsischen Schweiz hierbleiben wollen. Solch einen Trumpf sollte man doch nicht leichtsinnig verspielen.

Das Image des Nationalparks schlechthin hat unglaublich gelitten in den letzten ein bis zwei Jahren. Die Wegesperrungen sind in aller Munde, doch bei vielen Insidern ist das Vertrauen nicht nur deswegen sehr stark erschüttert. Auch zahlreiche Fehlinformationen, unerwartete Kehrtwendungen, Erschwernisse bei der Zusammenarbeit, vollendete Tatsachen, Protokollstreitigkeiten und unendlich mehr kleine und große Ärgernisse tragen zum schlechten Bild bei. Noch wird Naturschutz nicht automatisch mit dem negativen Bild vom Nationalpark gleichgesetzt.

Entfremdung, Interessenlosigkeit und Anarchie drohen am Ende dieser Entwicklung. Erste Anzeichen zeigen sich bereits beim Verhalten mancher Boofer und Kletterer. Ein Allerweltstourismus kann hier einziehen, das Besondere unseres Gebietes (der unverfälschte Kontakt mit einzigartiger Natur, was ja nicht Wildnis heißt) in den Hintergrund treten. Wenn es soweit kommt, können wir unsere Arbeit einstellen. Und wovon soll das Gebiet dann leben? Der Tourismus bringt schon jetzt nur einen kleinen Teil des Gesamtgewinns ein. Die wirtschaftlichen Folgen dank wegziehender Jugend aus Dresden und anderswo würden vermutlich schwerer wiegen.

Dabei ist so viel zu tun. Viele (nicht alle) unsinnige Investionsvorhaben wurden zwar gestoppt, andere umweltverträglich realisiert, doch in Sachen Verkehrspolitik hebt man die Schultern. Das ist gewiß schwer, aber dringend. Jeder kleine Schritt zur Verkehrsberuhigung im Kirnitzschtal ist wichtig. Zufällig erfuhr ich jedoch von einer vielleicht juristisch korrekten und trotzdem grotesken Stellungnahme der NLPV über die Durchführung einer touristischen Radtourenfahrt, bei der wenige Dutzend Rennradfahrer in kleinen Gruppen die Kirnitzschtalstraße befahren. Das machen sie sonst auch ab und zu, doch in diesem Fall war es pro forma eine organisierte Veranstaltung im Nationalpark, und die muß durch das Regierungspräsidium genehmigt werden. Auch wenn man dabei die öffentliche Straße befährt. Sicherlich müssen gewisse Rahmenbedingungen gewahrt bleiben (keine permanenten Markierungen z.B.), doch es bleibt ein fader Beigeschmack. So hatten wir uns Verkehrspolitik eigentlich nicht vorgestellt. Eher schon ein Wort seitens der NLPV, als die Einstellung der Elbfähre zwischen Postelwitz und Krippen drohte (die liegt jedoch nicht im Nationalpark). Gegen die Stillegung hatten sich Tourismusverband, Bürgerinitiativen, Bergsportverbände und Medien mächtig ins Zeug gelegt.

Ebenso wäre es leichter als behauptet, dem illegalen Mountainbiking im Nationalpark wenigstens etwas Einhalt zu gebieten. Wenn Rambos mit 50 km/h den Wurzelweg hinunterrasen, ist guter Rat ohne Frage teuer, und irgendwann vielleicht wird es einen ganz schlimmen Unfall geben. Aber ich habe selbst schon viele Radfahrer ansprechen können. Aus meiner Erfahrung von früher her weiß ich, daß eine Bestrafung gut möglich gewesen wäre. Das ist anfangs leider notwendig, weil sonst keiner das Verbot ernstnimmt. Mein Vorschlag, SBB (oder SSI) und NLPV mögen doch zusammen wenigstens in einer Fachzeitschrift einmal gemeinsam einen Artikel zu den Hintergründen des Verbots veröffentlichen (das ist allemal besser als nichts), stieß bei Dr. Stein auf taube Ohren - leider. Also werden wir vielleicht allein aktiv.

Noch schwieriger erscheint die Wiedereinführung einer touristischen Kultur, wie sie Peter Hildebrand, Vorsitzender des Bundes Sächsische Schweiz, eindringlich anmahnt. Dazu gehört zuerst Vertrauen. Insbesondere muß der Angst vor weiteren, ständig zunehmenden Einschränkungen die Basis genommen werden. Dann braucht man ein entsprechendes Konzept, muß den Mut haben, sich den Touristen wieder mehr zu öffnen (und sie nicht nur als besuchergelenkte Individuen betrachten), auf der anderen Seite aber auch konsequenter und direkter die Vergehen bestrafen - was die Mithilfe vieler Nicht-NLPV-Mitarbeiter erfordert und eine Vertrauensbasis zur NLPV voraussetzt. Aus den 80er Jahren weiß ich, daß man damit Erfolg hat, wenn die Mehrzahl der Besucher hinter den Regeln steht. Wie schwer dies alles sein wird, braucht uns niemand zu erzählen ...

Es gibt jedoch auch positive Anzeichen. In der heutigen Zeit, wo sogar Bergwacht und Freiwillige Feuerwehr mit der Einsatzbereitschaft ihrer Mitglieder Probleme bekommen (wegen beruflicher und sonstiger Belastungen), ist es doch schön, daß sich noch genügend Freiwillige zur Bewachung von Wanderfalkenhorsten finden und ihre Freizeit gegen eine symbolische Entschädigung opfern. Auch bei den leider immer weiter reduzierten Erosionssanierungen finden sich zahlreiche Freiwillige ein. Diese Beispiele zeigen - bei allen Problemen - daß man Naturschutz und Querelen mit der NLPV sehr wohl zu trennen weiß. Was ahnen denn die Falken von Protokollstreitigkeiten.

Auch gibt es positive Signale von der wichtigen Arbeitsgruppe Wanderwege, der u.a. Vertreter von Forst, NLPV, Naturschutz, Kommunen und Bergsportverbänden angehören. Man ist sich dort inzwischen einig, daß der Naturschutz nicht einfach Vorrang vor der gewohnten touristischen Nutzung haben darf, daß die Erfüllung der IUCN-Kriterien keineswegs so interpretiert werden muß, wie es in der Wegekonzeption der NLPV geschah, und - selbst wenn das vielleicht mehr theoretisch zu sehen ist - gesperrte Wege prinzipiell auch wieder geöffnet werden können.

Doch letzteres betrifft nur ein Thema - die Wanderwege. Aus dem Artikel wurde Ihnen, lieber Leser, hoffentlich klar, um wieviel mehr es geht.

Reinhard Wobst