Sächsische Schweiz Initiative, Heft 15, Herbst 1998

Der Kampf um die Wanderwege - Rückblick und Ausblick

Wer seit Anfang des Jahres die lokale Presse verfolgt hat, weiß vielleicht um heftige Diskussionen über beabsichtigte Sperrungen bzw. "Umstufungen" populärer Wanderwege in der Sächsischen Schweiz. Was ist dran an all den Gerüchten, was kommt möglicherweise auf uns zu? Am einfachsten und auch am besten für das Verständnis ist es wohl, die Ereignisse chronologisch darzustellen.

Seit Herbst 1996 laufen Verhandlungen zwischen dem SBB (stellvertretend für die anderen Bergsport- und Wanderverbände) und der Nationalparkverwaltung (NPV) über eine sogenannte Bergsportkonzeption, die die Grundlage für die zukünftige bergsportliche Nutzung des Nationalparkes darstellen soll. Als Vertreter der NPV nehmen daran teil: A.Knaak (Besucherlenkung), U.Augst (Naturschutz-Fachfragen) und F.-R.Richter (Nationalparkwacht); der SBB beauftragte Dietmar Heinicke (Gipfel), Volker Beer (Naturschutz-Fachfragen) und Reinhard Wobst (Boofen). Zunächst wurde ein Positionspapier erarbeitet, das praktisch eine Absichtserklärung beider Seiten darstellt und im SBB-Mitteilungsblatt Nr.2/97 erschien. Für das Thema dieses Artikels ist folgendes wichtig: Die touristische Nutzung von Wegen soll zukünftig auf ein festgelegtes Wegenetz beschränkt bleiben. Es wird zwei Kategorien von Wegen geben: Wanderwege und Bergpfade, wobei letztere vorwiegend dem Klettersport vorbehalten bleiben sollen. Uns war klar, daß wir in Zukunft nicht jeden Trampelpfad begehen können, denn schließlich bewegen wir uns in einem Nationalpark und müssen gewisse Einschränkungen in Kauf nehmen.

Nach der Abstimmung des Positionspapiers begannen wir, betroffene Gebiete nacheinander zu besprechen. Erwartungsgemäß traten beim ersten Gebiet - den Schrammsteinen -, kaum Probleme auf, denn dort gibt es nicht so viele sensible Bereiche der Natur, und an attraktiven Boofen findet man nicht viele. Auch beim Schmilkaer Gebiet, das wir uns als nächstes vornahmen, erwarteten wir keine wesentlichen Probleme. Die Wege waren ja größtenteils bereits als Bergpfad oder Wanderweg gekennzeichnet, nur wenige Boofen liegen in sensiblen Gebieten, und Gipfel sind meist gut zugänglich. Die ersten Karten, die uns die NPV vorlegte, enthielten jedoch einige unangenehme Überraschungen. So fehlte die Starke Stiege im Rauschengrund. Die Rotkehlchenstiege war nur noch als Bergpfad eingetragen, auf die Schneeberger Aussichten gab es überhaupt keinen Pfad mehr, und die Zahl der vorgeschlagenen, erlaubten Boofen lag drastisch unter der erwarteten. Zugänge zu Gipfeln über Riffe entfielen fast komplett. Das war im Herbst 1997.

Mir wurde klar, daß wir ein Problem übersehen hatten: Die Wanderwege. Es deutete sich an, daß das Wanderwegenetz stark beschränkt werden würde, und dabei war es nicht einmal Gegenstand der Verhandlungen - hier sollte es ja nur um bergsportliche Fragen gehen. Doch wir sind nicht nur Bergsteiger, sondern wir wandern auch, und nicht nur in der kalten Jahreszeit. Also sollten wir uns auch um die Interessen der Wanderer kümmern.

Bei Nachforschungen stellte sich heraus, daß Pläne zu Sperrungen von Wegen bzw. zur Umstufung von Wanderwegen in Bergpfade offenbar viel umfangreicher sind, als wir ahnten. Der obere Teil der Häntzschelstiege in den Affensteinen - ein äußerst populärer Klettersteig - soll total gesperrt werden; der beliebte Goldsteig im Großen Zschand, ja sogar die Obere Affensteinpromenade werden zu Kletterpfaden.

Sehr spät bemerkten wir zufällig, daß die Wegweiser der Zahmen Hölle in den Affensteinen verschwunden waren. Auch sie wird allenfalls ein Bergpfad bleiben. Mit etwas Phantasie kann man sich ausmalen, welche Wege noch betroffen sein könnten: Försterloch und Gehackter Weg im Kleinen Zschand? Griesgrund in Rathen? Grenzweg im Großen Zschand? Etwa gar der Teichstein? Wir wissen es nicht, und solch ein Zustand schafft nicht gerade Vertrauen. Die Ankündigung einer "von der NPV herausgegebenen autorisierten Wanderkarte" schuf zusätzlich Unsicherheit.

Die Verhandlungen fuhren sich im Spätherbst 1997 völlig fest. Argumente wie "allgemeine Ruhigstellung" - etwa für die Totalsperrung der Starken Stiege im Rauschengrund - erkannten wir nicht an, denn für Sperrungen müssen konkrete naturschutzfachliche Gründe vorliegen. Seitens der NPV gab es ebenso kaum Kompromißbereitschaft. Das Ganze wurde ein nervenaufreibendes Hin und Her ohne Ergebnis.

Ich begriff, daß eine Konfrontation nahte, wie wir sie bisher noch nicht erlebt hatten. Sperrungen in dem erahnten Ausmaß würden das Verständnis für notwendige Beschränkungen zerstören und die Menschen der Natur auf Dauer entfremden. Wenn solche Pläne erst einmal realisiert sind, wird eine Vermittlung zwischen beiden Interessen - Touristik/Bergsport und Naturschutz - kaum noch möglich, und unser jahrelang gelobtes "sächsisches Modell" der vertrauensvollen Zusammenarbeit könnten wir begraben. Einschränkungen im vermutlich geplanten Umfang würden eine Protestlawine hervorrufen, die wir nicht bremsen könnten - im Gegenteil, sie kann uns als vermeintlichen Mitträger der Verbote sogar selbst überrollen.

Das war noch nicht alles. Die Wanderer hatten praktisch keine Lobby, aktiv engagierten sich vorerst nur die Bergsteiger. So hätten wir drei Verhandlungspartner seitens des SBB eigentlich nicht nur die Interessen von fast 7000 Mitgliedern vertreten müssen, sondern auch noch die aller Wanderer! Was tun? Das Thema gleich in die Presse zu bringen, wäre gefährlich gewesen, denn das hätte die Konfrontation noch mehr anheizen können - ich erinnere an die oben genannte Protestlawine. Was wir brauchten, waren Argumente und Stimmen Betroffener, um bei den Verhandlungen eine stärkere Position zu erreichen. Nach kurzer Absprache entwarf ich im Dezember 1997 eine Web-Seite im Internet, auf der die Problematik kurz dargestellt wurde und vor allem zu Meinungsäußerungen aufgefordert wurde. Der Erfolg dieser unaufwendigen Maßnahme übertraf alle Erwartungen. Eigentlich ist das Internet nicht das typische Kommunikationsmedium von Bergsteigern und Wanderern - dachte ich. Bis zu 140 Zugriffe pro Woche belehrten mich eines besseren, und zahlreiche, oft sehr emotionsgeladene und fundierte Zuschriften gaben uns moralischen Rückenhalt. Nach dem Nervenkrieg der vorangegangen Monate war das auch bitter nötig.

Der nächste Einschnitt kam etwas unerwartet. Weil der untere Teil der Häntzschelstiege saniert werden muß, lud die NPV zu einem Vor-Ort-Termin ein. Anwesend waren Vertreter von NP und Forst, von Bergsteiger- und Wandererverbänden und auch der Presse. Bei dieser Gelegenheit wiederholte Dr.Stein seine zuvor schon gemachten Äußerungen öffentlich: "Über die Obere Häntzschelstiege gibt es keine Diskussion." Und so erschien das wörtlich in der Presse, zunächst nur in der Sebnitzer Lokalzeitung. Darauf gab es an gleicher Stelle postwendend lange und sehr heftige Meinungsäußerungen. Das Thema wurde innerhalb von wenigen Wochen zum "Stadtgespräch", wie ich mich selbst überzeugen konnte.

Die Lawine begann zu rollen. Ein Beitrag "Wandern hinter Zäunen?" in der Dresdner "Sächsischen Zeitung" beschäftigte sich bereits mit den allgemein geplanten Einschränkungen und erregte noch mehr Gemüter. Die öffentliche Diskussion war nun nicht mehr aufzuhalten. Um falschen Darstellungen zuvorzukommen, schrieb ich einen langen Bericht an die DNN, der als Grundlage für einen bemerkenswert guten Artikel diente. Leider geriet meine Vorlage versehentlich in die Hände der NPV und trug mir dort fortan den Ruf des "Medienverhetzers" ein. Damit muß man leben. Längst aber engagierten sich viele, viele andere Bergsteiger und Wanderer in dieser Angelegenheit.

Auf seiner Hauptversammlung am 11.Mai beschloß der SBB, sich künftig auch um die Interessen der Wanderer zu kümmern, und gab eine Pressemitteilung heraus, daß der Verein sich für den Erhalt der traditionellen Wanderwege einsetzen will. Das war ein richtiger und bitter notwendiger Schritt, der allerdings auch Mißbilligung fand. So erklärte der Chef der Nationalparkwacht, F.-R.Richter, im Mai vor etwa 30 DAV-Naturschutzvertretern aus ganz Deutschland, sie hätten vom SBB ein Fax erhalten, das auf einen Abbruch der bisherigen guten Zusammenarbeit hinweist. Es handelte sich lediglich um eine Information, daß die Bergsportkonzeption um den Punkt Wanderwege erweitert werden muß.

Das Thema "Wanderwege" blieb in den Medien - wenigstens in DNN und SZ - präsent. Für ungenaue Darstellungen sorgte jedoch eine andere bekannte Zeitung, die viele Bilder enthält. Sie brachte am 23.6. einen reißerischen Beitrag "Wanderwege klammheimlich gesperrt", über den wir hier lieber das Mäntelchen der Barmherzigkeit ausbreiten. Als Folge davon zog das Fernsehen (mdr) ein Interview mit mir zum Thema zeitlich vor, und so gab es in den zwei Tagen vor der lang erwarteten Sitzung des "Arbeitskreises Klettern und Naturschutz" (in dem SMU, NLPV, Forst, Tourismus-, Bergsport- und Naturschutzverbände vertreten sind), nach Interpretation des Leiters der Nationalparkverwaltung Dr. Stein, eine regelrechte "Pressekampagne" - natürlich vom Medienverhetzer persönlich inszeniert. Wie schon zu erahnen, ging es dann bei der Sitzung recht heftig zu. Im Ergebnis werden Bergsportverbände und NPV jeweils einen Vorschlag für eine Wanderwegekonzeption bis 30.9.98 vorlegen und danach eine gemeinsame Arbeitsgruppe bilden. Das ist ohne Frage ein Fortschritt, denn die Verhandlungen zur Bergsportkonzeption (für das Gebiet Schmilka) waren zum Zeitpunkt des Treffens Ende Juni eingeschlafen. Das sächsische Modell scheint noch nicht tot zu sein. Und das Gespenst der obengenannten "autorisierten Wanderkarte" verschwand wieder in der Gruft: Die Karte sei nur als Empfehlung gemeint, so Dr. Stein, und wird zurückgezogen.

So weit, so gut. Es zeigte sich scheinbar wieder Licht am Horizont. Obendrein wurde von Vertretern der NPV schon mehrfach versichert, Bergpfade könnten von jedermann betreten werden, nur unterlägen sie nicht der sogenannten Wegesicherungspflicht, d.h. aus Unfällen könnten keine Ansprüche an Forst oder NLP abgeleitet werden. Dies erklärte Dr.Stein beispielsweise in einem Treffen mit Bergsteigern am 30.8.98. Sind da geplante Umstufungen denn noch so schlimm? Doch, das sind sie. Entgegen mündlicher Versicherungen ist in der gültigen Nationalparkverordnung von 1990 (Paragraphen 6(1)11. und 7(1)8.) zu lesen, daß Kletterpfade "nur zur unmittelbaren Ausübung des Klettersports" betreten werden dürfen. Alles andere ist eine Frage der Toleranz, in die wir angesichts der bisherigen Entwicklung nicht mehr so recht vertrauen wollen, zumal Dr.Stein im SSI-Heft 12 sogar selbst für die strengere Auslegung plädiert. Einzelne Kletterpfade werden verfallen und gefährlich oder sogar ganz gesperrt werden, was sicherlich viel einfacher als bei offiziellen Wanderwegen möglich ist. (Übrigens betreffen die Einschränkungen auch die Freiübernachter, die "Boofer". Boofen werden bis jetzt nur noch unmittelbar an Klettergipfel-Zugangspfaden zugelassen, und ein "Boofenurlaub mit kaum klettern" ist bei strenger Lesart der Gesetzeskommentare ebenfalls nicht zulässig. Der SBB legte auch hier Protest ein. Doch davon soll dieser Artikel nicht handeln.)

Die Verhandlungen sind also noch in vollem Gang, die rechtliche Situation ist nicht gerade beruhigend: So viel Licht zeigt sich doch noch nicht am Horizont.

Und noch etwas anderes macht vielen Besuchern zunehmend Sorgen: Die "richtig zugelassenen", markierten Wege werden oft in einem Maße ausgebaut, daß es den naturgewöhnten Besucher graut. 20cm dicke Geländer säumen oft rechts und links die Wege und dienen nur der Absperrung, nicht aber der Sicherheit, denn an diesen Baumstämmen kann sich keiner mehr festhalten. Massive Treppen, z.B. aus Eisenbahnschwellen, verhindern Fels- und Bodenberührung. Es geht dabei nicht nur um die Paradebeispiele "Breite Kluft" in den Schrammsteinen oder auch den Basteiaufstieg von Osten (vgl. Abb., insbesondere das Geländer am Basteiweg!). Auf dem Schrammsteingrat gibt es dicke Geländer in Wadenhöhe (wozu?). Brandstufen (unterer Teil) und Füllhölzelweg aus dem Polenztal hoch zum Ziegenrücken sind regelrecht stöckelschuhfest, ebenso Treppen aus dem Kirnitzschtal hoch zum Pohlshorn wie auch Teile des Flößersteigs. Es soll sich jeder selbst davon überzeugen, daß diese Baumaßnahmen zunehmend flächendeckend werden. Auch in der Presse kam dieses Thema schon mehrfach zur Sprache. Leser fragten wohl zu Recht, wieso wir noch in die Alpen fahren dürfen, wenn die Gesetze hier angeblich einen solch perfekten Wegeausbau erfordern. Sicher ist nur eines: Solche Magistralen entfremden den Besucher der Natur, ganz langsam und unmerklich. Und sie nehmen das bißchen Abenteuer, das wir beim Begehen solcher Wege haben.

Das muß nicht so sein. Am Pfaffenstein, der dem NABU gehört, geht es auch anders. Die Geländer dort fallen weit weniger ins Auge, es wimmelt nicht von Verbots- und Hinweisschildern. Und dabei ist doch der Pfaffenstein letztes Jahr zum Naturschutzgebiet erklärt worden! Und auf dem Gipfel des Gamrigs kann man die Landschaft sogar völlig ohne Geländer genießen, obwohl das sicherlich nicht vorschriftsgemäß ist.

Auch gegen den übermäßigen Wegeausbau, der wohl aus keiner Wegesicherungspflicht abgeleitet werden kann (das zeigten auch Konsultationen mit Juristen), legte der SBB Protest ein. Allerdings ist derzeit keinerlei Bewegung zu sehen, außer auf den Baustellen in der Sächsischen Schweiz.

Insgesamt stimmt die bisherige Bilanz doch eher traurig. Es gibt eine teils offene Konfrontation, die hoffentlich wieder in die gewohnte Zusammenarbeit mündet - vielleicht schon, wenn Sie dieses Heft in den Händen halten. Aktuelle Informationen finden Sie im Internet unter der Adresse www.ifw-dresden.de/~wobst oder auf Suchmaschinen unter dem Stichwort "Wegegebot".

Inzwischen verändert sich das Wegenetz im Gebirge ständig. Schwer nachvollziehbare Einschränkungen einerseits und perfektionistischer Ausbau andererseits dienen jedoch - wie schon gesagt - keineswegs dazu, Menschen der Natur näherzubringen. Der Nationalpark hat in weiten Teilen der Bevölkerung ein sehr schlechtes Image bekommen, denn es sind vor allem Verbote und Einschränkungen sichtbar. So gesehen ist die Erstellung eines eigenen Wanderwegekonzeptes ein konstruktiver Schritt.

Reinhard Wobst
Layout: St. Kube, 29. Oktober 1998